Fünf Stationen Hersfelder Stadtgeschichte


1. Die Gründung Hersfelds - die Stiftskirche




Die Ruine der Stiftskirche


Sturmius, aus Bayern stammend, von Bonifatius christlich erzogen, von Wigbert zum Priester geweiht, hatte unter letzterem drei Jahre als Priester und Heidenbekehrer in der Umgebung Fritzlars gewirkt. Um 736 gelangte er mit zwei Begleitern nach Härulfisfeld, einer verlassenen Siedlung an einer später Frauenberg genannten Anhöhe, die sicher einem Manne namens Härulf gehört hatte. Andere Leute müssen in der Nähe gewohnt und ihm diesen Namen überliefert haben. Sturmius wollte in der Einöde Gott dienen und baute an der Stelle des späteren Klosters kleine rindenbedeckte Häuschen (Bericht seines Freundes Eigil). Nach einigen Jahren suchte Sturm Bonifatius wieder auf und beschri eb die Lage der neuen Ansiedlung. Bonifatius warnte ihn jedoch vor der Nähe der räuberischen Sachsen und hieß ihn, weiter nach Süden in die Buchonia vorzudringen. Aber erst nachdem weitere Jahre vergangen waren, machte sich Sturmius erneut auf, um eine neu e Stelle für ein Kloster zu finden. In einer Talaue südlich der Mündung der Lüder in die Fulda fand er diese Stelle, die auch Bonifatius als geeignet erschien. So wurde hier im Jahre 744 das Kloster Fulda gegründet, dessen erster Vorsteher Sturmius wurde. Zehn Jahre später im Jahre 754 wird der Angelsachse Lullus (Lull, geb. 705 in Wessex) Nachfolger des Bonifatius auf dem Mainzer Bischofsstuhl.



Das Lullusdenkmal vor dem Rathaus


Sogleich entsteht ein Streit zwischen Sturm und Lull über die Privilegien des Klosters Fulda. Bonifatius hatte nä mlich dem Kloster Fulda beim Papst ein Privilegium erwirkt, kraft dessen es nicht der Hoheit und Gerichtsbarkeit des Bischofs in Mainz, sondern unmittelbar dem Papst in Rom unterstellt war. Er hatte damals die Einflußnahme fränkischer Könige auf die Besetz ung geistlicher Ämter verhindern wollen. Andererseits lag dieses nur vom Papst abhängige Kloster mitten im Bistum Mainz, und seine Mönche zogen missionierend durch den Bistumsbezirk. Sicher auch aus dieser Gegnerschaft zu Fulda gründete Lullus im Jahre 769 das Kloster Hersfeld, dessen von Sturm gegründete mönchische Siedlung niemals ganz aufgehoben worden war. Es wurde den Aposteln Simon und Judas Thaddäus geweiht. Karl d. Gr. unterstützte Lullus bei der Gründung des Klosters, das ihm bei der Sicherung der Ostgrenze seines Reiche helfen sollte. Im Jahre 780 wurden die Gebeine des hlg. Wigbert von Büraberg bei Fritzlar nach Hersfeld gebracht (heimlich und bei Nacht, aber sicher nicht ohne die Billigung des Königs): eine wundertätige Reliquie war damals wichti g. Am 16. Oktober 786 starb Lullus 80-jährig in Hersfeld. Auf dem Laufbrunnen vor dem Rathaus steht seine Idealfigur. Eine Hersfelder Heilquelle trägt seinen Namen. Anläßlich der Weihe des unter Abt Bun 831 begonnenen und 852 unter Abt Brunwart vollendeten Baus einer neuen, großen Basilika und der Überführung der Gebeine des Lullus in diese Kirche wurde das Lullusfest begründet. Es war zunächst ein reines Kirchenfest. Es liegt in der Woche, in die der 16. Oktober fällt, dem Todes tag des Lullus. Ebenfalls auf den 16. Oktober fällt der Namenstag des Hlg. Gallus. An diesem Tag wurde auch der Gallusmarkt gehalten. Deshalb wuchsen Kirchenfest und Markt im Laufe der Zeit allmählich zusammen und das hat sich wohl über lange Zeit hingezogen. Der Übergang vom traditionellen Gallusmarkt zum Lullusfest ist also fließend. Deshalb werden auch die Begriffe "Lullusfest" und "Lullusmarkt" noch heute nebeneinander gebraucht. Das heutige Bad Hersfeld hat damit also neben seinem eigenen hohen Alter und der ältesten Glocke mit dem Lullusfest auch das älteste Volksfest Deutschlands. Das Lullusfeuer wird nach einer Wechselrede zwischen dem Bürgermeister und dem Feuermeister jeweils am Montag entzündet. Um 12°° Uhr läutet die Lullusglocke, die älteste Glocke Deutschlands. Abt Meginher ließ sie 1038 gießen. Sie hängt im Katharinenturm. Im gleichen Jahre brannte die Klosterkirche ab. Abt Meginher begann sogleich mit dem Neubau, der nach 106-jähriger Bautätigkeit im Jahre 1144 geweiht werden konnte. Die neue Stiftskirche war die größte romanische Hallenbasilika nördl ich der Alpen. Sie war 103,50 m lang, im Querschiff 56 m und im Längsschiff 31 m breit und bedeckte eine Fläche von über 3000 m². Im Siebenjährigen Krieg diente die riesige Stiftskirche als Vorratslager für die französische Armee. Es befanden sich dort 80000 Säcke Mehl, 50000 Säcke Hafer und eine Million Ballen Heu und Stroh, die die Franzosen bei ihrem Rückzug anzündeten, um sie nicht in die Hände der preußischen Alliierten fallen zu lassen. Die Stiftskirche brannte aus. In wenigen Stunden war verbr annt, was in 700 Jahren mit viel Fleiß aufgebaut und erhalten worden war. Noch ein halbes Jahr später schlugen die Flammen empor, wenn man in der Asche stocherte. Die Ruine, in der heute die Festspiele aufgeführt werden, wurde lange Zeit als Steinbruch benutzt.



Der Katharinenturm

2. Die Entwicklung von Stift und Stadt

Lullus hatte es verstanden, seine Stiftung zu Reichtum und Ehren zu bringen und insbesondere den Frankenkönig Karl, den späteren Kaiser Karl d. Gr., für Hersfeld zu interessieren. Auf dem im Januar des Jahres 775 in Quierzy abgehaltenen Reichstag nahm der König das Kloster in seinen und seiner Nachkommen Schutz und gab ihm außergewöhnliche Vorrechte: das Recht der freien Abtswahl durch die Brüder (Mönche) und die Befreiung von jeder bischöflichen und gräflichen Gewalt. Dadurch wurde die Abtei dem König unmittelbar unterstellt und die spätere Stellung des Abtes als Reichsfürst angebahnt. Aber auch zahlreiche Schenkungen an das Kloster (Landbesitz, Ortschaften, Zehntabgaben, Kirchen u.s. w.) beweisen Karls Gunst. Aus jener Zeit ist ein Güterverzeichnis des Klosters, das "Breviarium Lulli" (breviarium = kurzes Verzeichnis), erhalten geblieben. Nach diesem Breviarium hatte das Kloster in karolingischer Zeit bereits rund 60000 Morgen Land in Besitz, der sich auf 193 Orte verteilte. Davon lagen 132 Orte mit 3/4 des gesamten Grundbesitzes in Thüringen und zwar größere Gebiete bei Gotha und an der Unstrut. Die anderen Besitzteile verstreuten sich bis an die Mosel, an den Rhein und nach Westfalen hinein. Je stattlicher un d reicher nun der Besitz des Klosters wurde, um so weniger konnten sich die Mönche selbst um die wirtschaftlichen Dinge kümmern, die sie bis dahin in eigenhändiger Arbeit erledigt hatten. Sie zogen deshalb immer mehr abhängige Leute als Arbeiter heran, die sich auf der Nord- und Ostseite des Klosters ansiedelten. Hinzu kamen Leute, die in unsicheren Zeiten - erinnert sei an die Ungarneinfälle - die sicheren Mauern des Klosters zu schätzen wußten. So entstand neben dem Kloster allmählich eine Stadt.



Modell des mittelalterlichen Hersfelds


Zu Ehren der Heiligen (Lullus und Wigbert) wurden in ihr Kirchenfeste abgehalten, denen sich Märkte mit vielen Händlern anschlossen. Der Abt verkündete den Marktfrieden. Äußeres Zeichen dafür war das vor dem Stift stehende Steinkreuz. Im Jahre 1142 wurde Hersfeld erstmals als Marktort urkundlich erwähnt. Durch seine Lage an der "Reichsstraße", einer alten Handelsstraße zwischen Frankfurt und Leipzig, die hier die Fulda und Haune auf früh erbauten Brücken überquerte, wurde Hersfelds Entwicklung weiter gefördert. Die Stadt erhielt eigene Stadtmauern und wurde im Jahre 1170 erstmals als befestigter Ort (civitas) erwähnt. In Hersfeld wuchs deshalb auch bald sehr stark die Gruppe der freien Bürger, die zu freier Leihe Grundstücke gegen Zinz erworben hatten. Auch wer als Unfreier zuzog, aber Jahr und Tag am Ort gesessen hatte, ohne von seinem früheren Herren zurückgefordert worden zu sein, wurde frei (Stadtluft macht frei). Diese Bürger unterstanden einem "Stadtgericht", bei dem ein zunächst vom Abt frei ernannter Schultheiß den Vorsitz führte. Neben diesem Niedergericht entschied das Hofgericht unter dem persönlichen Vorsitz des Abtes unter der Linde im Stiftshof über schwerere Verfehlungen wie Blutfrevel und Kriminalfälle. Daneben gab es freilich auch noch den Rest der al ten unfreien Bauern- und Handwerkerfamilien, die den ersten Grundstock der Ansiedlung gegeben hatten. Sie unterstanden dem Gericht des Abtes.


3. Der Kampf zwischen Stift und Stadt - die Vitalisnacht von 1378

Wegen des verstreuten Besitzes des Klosters hatten die Äbte oft Streit mit den Herren in der Nachbarschaft. Fehden, die viel Geld kosteten, wurden ausgetragen und nicht immer gewonnen. So machten die Äbte Schulden, Rechte wurden verpfändet oder gingen verloren und die Stadt Hersfeld selbst weigerte sich oftmals, ihrem Landesherren die von diesem geforderten Steuern zu zahlen, so daß Abt Berthold von Völkershausen im Jahre 1371 das Reichshofgericht anrufen mußte. Nachdem auch die Kaisermacht im deutschen Reiche immer mehr zerfallen war, versuchten einige größere Fürsten im Reiche, ihre Macht zu Lasten der kleineren Herrschaften auszudehnen. Diese schlossen sich in unserer Gegend unter der Führung des Grafen von Ziegenhain zum Sternerbund zusammen. Zu ihm gehörte auch der Abt von Hersfeld.



Blick auf den Stiftsbezirk




Das Südtor, südlicher Zugang zum Stiftsbezirk


Die Stadt hingegen stellte sich wegen des Streites mit dem Abt auf die Seite der Gegenpartei, nämlich auf die Seite der Landgrafen von Hessen und Thüringen. Im Jahre des o.g. Reichshofgerichtsverfahrens war es zwischen den Sternern und den beiden Landgrafen von Hessen und Thüringen zum Kampf um die Sternerburg Herzberg gekommen. Ein starkes Sternerheer zwang die Landgrafen zur Flucht. Landgraf Hermann von Hessen schlug sich mit seinem Heerhaufen nach Marburg durch. Landgraf Balthasar von Thüringen jedoch zog mit seinen Leuten nach Hersfeld und begehrte wegen der nachrückenden Sternerritter Einlaß in die Stadt, hinter deren Mauern er sich bergen wollte. Als auf Nachfrage der Hersfelder Bürger, wie sie sich verhalten sollten, der Abt sich als "Sterner" zu erkennen gab, ließen die Hersfelder den Landgrafen und seine Leute in ihre Stadt ein. Das ärgerte den Abt sehr, weil ihm dadurch Beute und Lösegeld entgangen war. Im Jahre 1373 schloß die Stadt sogar ein Schutz- und Trutzbündnis mit den Landgrafen ab. In der Folgezeit kam es öfters zu Ärgernissen zwischen dem Abt und der Stadt, so etwa als die Bürger den Stiftsknechten einen Untertanen des Grafen von Schwarzburg, der ein Feind des Abtes war, wieder entrissen. Immerhin war dem Abt wieder ein saftiges Lösegeld entgangen. Als der Abt den Gefangenen wieder herausforderte, erklärten die Hersfelder, "sie hätten so hohe Mauern und so tiefe Gräben, täte es not, so wollten sie schon wieder zu Gnaden kommen." Der Abt sann auf Rache. Die Burgmannen und die Knechte des Abtes sollten zusammen mit den Sternerrittern aus der Nachbarschaft wie Eberhard von Buchenau, Simon von Haune, zwei Herren von der Tann und anderen in der Nacht vom 27. auf den 28. April 1378, der Vitalisnacht, die Stadt erstürmen. (Der katholische Gedenktag für Vitalis, den Märtyrer und Heiligen, ist der 28. April. Er ist der Schutzheilige der Stadt Ravenna. Von Bedeutung ist der Heilige vor allem aufgrund der nach ihm benannten Basilika San Vitale.) Die Vorbereitungen zum Sturm auf die Stadt wurden in aller Heimlichkeit getroffen. Doch Simon von Haune konnte das mit seiner ritterlichen Ehre nicht vereinbaren und kündete durch einen Brief, den er am Peterstor abgeben ließ, der Stadt die Fehde an:
„Wisset ihr von Hersfeld, daß ich Simon von Hune Ritter, eurer und der eueren Feind seyen will, mit allen meinen Helfern und Bundesgenossen und will euch nicht allein nach dem Gut stehen, sondern nach Leib, Ehr und Gut, und will das diese Nacht thun, darnach habt euch zu richten.
Datum unter meinem Insiegel auf St. Vitalis Abend A. D. 1378."

(nach Demme, Bd. 1,a.a.O. S. 27)

Die Räte und Schöffen der Stadt, die der Abt zu einem Imbiß hatte einladen lassen, bei dem er kräftig einschenken ließ, um sie betrunken zu machen, waren schnell wieder nüchtern. Im Haus des Stiftsdekans am Markt fand man sieben Leute, die wohl den Auftrag hatten, den Angreifern die Stadttore zu öffnen. Man schleppte sie auf den Markt und schlug ihnen die Köpfe ab. Die Mauern wurden besetzt und die in der Stadt gelegenen Häuser der Stiftsherren geplündert.



Abtschlößchen


Desgleichen schlug man ein Loch in die Stiftsmauer. Man drang in das Stift ein und plünderte es ebenfalls, da sich seine Besatzung ja draußen bei den angreifenden Sternern befand. Als nun die Feinde in der Morgendämmerung vom Finstertale (den heutigen "Alpen") her sich den Mauern näherten, wurden sie von einem Hagel von Geschossen überschüttet. Als sie trotzdem zum Sturmangriff vorgingen, wurden sie blutig zurückgeworfen. Der Ritter Eberhard von Engern, der sich kurz zuvor gerühmt hatte, er habe schon neun Städte erstiegen und wolle nun auch mit der zehnten fertig werden, fand hier den Tod. Ein Armbrustschütze hatte ihm beim Ersteigen der Mauern durch den eisernen Helm in die Stirn geschossen.

Seine durchbohrte Haube hängte man als Siegestrophäe an das Rathaus. (oben links)



Heute liegt sie im Museum.



An ihrer Stelle hängt heute am Rathaus eine Nachbildung.

Nun kam es zu einem fürchterlichen Rachekrieg gegen die Stadt und ihre Bewohner, die die Stiftsherren mißhandelt und einige auch hingerichtet hatten. Die Stadt wurde vom Handelsverkehr abgeschnitten, die Vorstadt wurde zerstört, einzelstehende Mühlen wurden verbrannt, Obstbäume wurden abgehauen und Felder verwüstet. Aber auch tagelanger Beschuß mit Büchsen und Armbrüsten konnte die Stadt nicht bezwingen. Sie zahlte sogar mit gleicher Münze zurück. Zahlreiche Ausfälle und Streifzüge führten die Bürger in das Gebiet des Abtes und der verbündeten Ritter, wobei jedesmal die Fluren verwüstet und zahlreiche Dörfer, so Rotensee und Rohrbach, in Flammen aufgingen. Nach zweimonatigem fürchterlichem gegenseitigem Zerfleischen waren beide Seiten, Stift und Stadt, am Ende ihrer Kräfte. Der Streit verebbte durch drei Jahre hin in Gerichtsstuben und Aktenst ößen. Nach der Einigung im Jahre 1381 erkannte der Abt zwar die von der Stadt erworbenen Freiheiten an, die Stadt dagegen gewährte dem Abt Rechte an zwei Mühlen und leistete Schadenersatz für die durch Grabenbau bei der Verteidigung der Stadt an Stiftsäckern entstandenen Schäden. Zwischen Stifts- und Stadtmauer sollte auf ewig ein sechzehn Fuß breiter Streifen unbebaut bleiben. Beide Seiten, Stift und Stadt, waren so geschwächt, daß sie Landgraf Hermann zu ihrem Vormund und Schutzherren wählten. Heute erinnert ein Kreuz in der Leonhard-Müller-Anlage, das Vitaliskreuz, an die blutigen Ereignisse des Jahres 1378. Es steht ganz in der Nähe der Stelle, an der Eberhard von Engern gefallen war. Dabei handelt es sich aber um eine Nachbildung, die im Jahre 1869 auf einem zweifachen, gestuften Werksteinsockel aufgestellt wurde. Das Original steht im Museum. Die im Jahre 1878 auf der Rückseite des Denkmalsockels angebrachte lateinische Inschrift lautet: Vespera VItalis CrUX saCra pLena MaLIs. Auf deutsch heißt das etwa: "(Der Vor-) Abend (des) Vitalis, heiliges Kreuz, (war) voll durch Leiden". Die Großbuchstaben der Inschrift ergeben als lateinische Ziffern gelesen und zusammengenommen die Jahreszahl 1378.





4. Abt Krato - Luther in Hersfeld - Folgen des Bauerkrieges

Hersfeld war eine der hessischen Städte, in der die Reformation festen Fuß faßte. Das hatte seinen Grund darin, daß man hier die bösen Zustände, die zu jener Zeit im Klosterleben herrschten, so recht vor Augen hatte. Selbst die Bettelorden waren entartet. So war es auch bei dem Franziskaner- oder Barfüßerkloster in Hersfeld, das 1269 erstmals genannt wird und am Platz der ehemaligen "Alten Klosterschule" stand (daher der Name), wo sich aber heute die "Konrad-Duden-Schule" befindet.



Alte Klosterschule, Historischer Altbau





Die Alte Klosterschule, heute die Konrad-Duden-Schule


Die Klöster waren Stätten der Habsucht, Schlemmerei, Sittenlosigkeit und anderer Laster geworden. Wegen dieser Verderbnis stand selbst der im Jahre 1516 gewählte Abt Krato der neuen reformatorischen Lehre Luthers nicht etwa feindlich gegenüber. Krato stammte aus Hungen im Vogelsberg, hieß eigentlich Kraft Miles und war der erste Bürgerliche auf dem Abtsstuhl. Als er hörte, daß Luther auf seiner Reise von Worms, wo er vor dem Reichstag gestanden hatte, nach Eisenach auch nach Hersfeld kommen würde, schickte er ihm seinen Kanzler und Rentmeister eine gute Meile Weges entgegen. Er selbst empfing ihn auf dem Eichhof und geleitete ihn mit großem Gefolge zur Stadt, wo Bürgermeister und Rat ihn am Johannestor begrüßten.



Der Abt bewirtete ihn und wies ihm Herberge in seinem Schlosse an. Vermutlich übernachtete Luther aber nicht im Schloss Eichhof, sondern in einem der Gemächer des Abtes im Stiftsbezirk.




Das angebliche Lutherzimmer im Eichhof





Luther vor der Stiftskirche
(Colorierte Radierung von Renate Wandel, Rotation 31, Bad Hersfeld)


Am anderen Morgen, dem 1. Mai, um 5.00 Uhr predigte Luther dann in der Stiftskirche vor dem Abt und wenigen geladenen Gästen. Er hatte zunächst deswegen Bedenken gehabt, denn es war ihm in Worms vor seiner Abreise verboten wor den, auf der Rückreise nach Wittenberg irgendwo zu predigen. Er befürchtete auch, daß der Abt in Ungelegenheiten wegen seiner Predigt kommen könne. Doch die dringenden Bitten des Abtes und der Umstand, daß er ja nicht öffentlich auftreten, sondern nur vor einem geladenen Kreis sprechen sollte, ließen ihn seine Bedenken zurückstellen. Abt Krato geleitete sodann Luther auf seiner Reise nach Eisenach bis zum Walde (hinter Sorga - die alte Vachaer Straße führte hinter Sorga durch den Wald an Gosselndorf* vorbei nach Friedewald), während sein Kanzler noch bis Berka, also bis zur Grenze des Stifts, bei ihm bleiben mußte. Hier wurden alle noch einmal auf Kosten des Abts bewirtet, und dann nahmen die Hersfelder Abschied von Luther. Die Selbständigkeit des Hersfelder Stiftsstaates ging jedoch bald zu Ende.

Soweit lautet die derzeit allgemein akzeptierte Version, was die zeitliche Abfolge der Ereignisse betrifft. Es ist aber doch wohl etwas anders gewesen:
Luther reiste in einem zweirädrigen Karren, der von einem Pferd gezogen wurde. Zwei weitere Pferde zum Wechseln wurden noch mitgeführt. Die Reisewege waren holprige und ausgewaschene Feld- und Waldwege. Wurde der Weg zu steil, musste man absteigen und zu Fuß gehen. Zieht man also die zur damaligen Zeit möglichen täglichen Reiseetappen in Betracht, so konnte man an einem Tage höchstens 30 bis 40 Kilometer vorankommen. Nachdem Luther Frankfurt a. M. am 28. April 1521 verlassen hatte, von wo er noch einen Brief an Lucas Cranach geschrieben hatte, erreichte er am Abend dieses Tages Friedberg (Entfernung 25-30 km). Danach ging es am 29. April nach Grünberg (Entfernung 35-40 km). Wenn Luther aber am 01. Mai morgens in Hersfeld gepredigt haben soll, so müsste er die über 70 km von Grünberg nach Hersfeld an einem Tag, dem 30. April, bewältigt haben, was nicht möglich gewesen ist. Er übernachtete deshalb sicher in Alsfeld (Grünberg bis Alsfeld ca. 30 km), war am 01. Mai erst abends in Hersfeld und predigte dann am 02. Mai 1521 in Hersfeld (Alsfeld bis Hersfeld ca. 40 km). Luther schrieb in einem Brief an seinen Freund Georg Spalatin, den Beichtvater und engsten Vertrauten des Kurfürsten Friedrichs des Weisen, dass er "am nächsten Tag" (altera die), also dann am 03. Mai, nach Eisenach aufbrach, wo er am Abend eintraf. Diese geänderte Chronologie der Ereignisse wird vom Altphilologen Dr. Michael Fleck vertreten, die er zuletzt in der Beilage zur Hersfelder Zeitung "Mein Heimatland" (Beilage Nr. 7, Juli 2016, Band 55) darlegte.

Auch für den Ort von Luthers Predigt in Hersfeld vertritt Dr. Fleck eine andere These. Er schreibt in einem für die Stadt Bad Hersfeld verfassten Flyer:
........... "Das bedeutet aber, dass Luther nicht schon am Abend des 30. April, sondern erst am Tag danach in Hersfeld eingetroffen ist. Der von ihm in so rühmenden Worten geschilderte Empfang durch den Abt und die Bürger von Hersfeld fand also am Abend des 1. Mai 1521 statt. Luther hat demnach nicht am 1., sondern am 2. Mai in Hersfeld gepredigt. Die traditionelle Ansicht, er habe das morgens um 5.00 Uhr getan, beruht einerseits auf der (unrichtigen) Annahme, Luther habe die Fahrt von Grünberg an einem Tag bewältigt und sei noch am Morgen des folgenden Tages nach Eisenach weitergereist, sowie auf einem falsch verstandenen Ausdruck in Luthers Brief, in dem er schreibt, man habe ihn gedrängt mane quinta zu predigen. Mit quinta ist nicht die Stunde, sondern der Wochentag gemeint, und zwar der Donnerstag. Der 2. Mai 1521 war ein Donnerstag. Luther hat nicht in der leeren Stiftskirche zu nachtschlafener Zeit vor einer Handvoll mehr oder weniger aufmerksamer Mönche seine Predigt gehalten, sondern am frühen Vormittag (mane) vor einem großen Teil der Hersfelder Bevölkerung. Nur so sind seine dem Abt vorgetragenen Bedenken verständlich; auch verwendet er für seine Predigttätigkeit durchweg Ausdrücke, die eine große Zuhörerschaft voraussetzen. Er ist auch nicht gleich nach seiner Predigt nach Eisenach weitergereist, sondern erst am folgenden Tag, also am 3. Mai, hat die Nacht vom 3. auf den 4. in Eisenach verbracht und ist am folgenden Tag auf die Wartburg entführt worden. In Möhra, wo er am Tage seiner Entführung seinen dortigen Verwandten einen kurzen Besuch abstattete, hat er nachweislich weder genächtigt noch gepredigt.

Luther hat also nicht nur eine, sondern zwei Nächte in Hersfeld verbracht, mithin einen ganzen Tag, nämlich den 2. Mai, an dem er hier gepredigt hat, sich in Kloster und Stadt aufgehalten. Dass er sich bei dieser Gelegenheit mit dem Abt auch über die politischen und kirchlichen Probleme der alten, längst unterminierten Reichsabtei unterhalten hat, dürfen wir als sicher annehmen. Wie es scheint, ist Luther aber auch mit dem Pfarrer der Stadtkirche, mit Heinrich Fuchs, zusammengetroffen, denn er erwähnt in einem späteren Brief, allerdings ohne dessen Namen zu nennen, den Hersfelder Stadtpfarrer lobend, der vor kurzem geheiratet habe. Die Hersfelder Stadtkirche gehörte zu den ersten Kirchen überhaupt, in denen die reformatorischen Tendenzen zum Tragen kamen, und Heinrich Fuchs hatte bereits 1520/21 dank der toleranten Einstellung Abt Kratos im lutherischen Sinn zu predigen begonnen. Aus diesem Grunde sollte man zumindest mit der Möglichkeit rechnen, dass Luther seine Predigt in Hersfeld gar nicht in der Kirche des Fürstabtes, der Kaiser und Papst verpflichtet war, gehalten hat, sondern in der Hersfelder Stadtkirche, dem Zentrum der bereits damals reformatorisch gesinnten Kirchengemeinde.

Dass Luther gerade in Hersfeld länger als irgendwo sonst auf seiner Rückreise von Worms verweilte, hier also einen Ruhetag einlegte, kann eigentlich nicht überraschen. Einmal war es die von ihm so nachdrücklich und dankbar hervorgehobene großzügige Gastfreundschaft des ihm in manchem wohl geistesverwandten Abtes Krato, die einen verlängerten Aufenthalt in solch angenehmer Umgebung empfehlenswert erscheinen ließ, zum andern stand dem Reisenden für den nächsten Tag die weitaus längste Wegstrecke bevor, durchaus ein Grund, einmal kurz Atem zu schöpfen - auch in übertragenem Sinn: Ein kurzes Innehalten vor dem entscheidenden Schritt in eine noch dunkle und gefahrendrohende Zukunft."



Nachdem Landgraf Philipp im Jahre 1525 dem Abt geholfen hatte, in seinem Gebiet den Bauernaufstand niederzuschlagen, präsentierte er diesem die Rechnung. Neben anderem ging die Hälfte der Stadt in den Besitz des Landgrafen über. Hersfeld hat seitdem neben dem Doppelkreuz auch den hessischen Löwen im Stadtsiegel. Nach dem 30-jährigen Krieg, in dem Hersfeld auch wieder einmal katholisch geworden war, wurde die Abtei Hersfeld im Westfälischen Frieden in ein weltliches Fürstentum umgewandelt und als Reichslehen den Landgrafen von Hessen zugesprochen.

* Gosselndorf ist heute eine Wüstung. Die Ruine seiner Kirche (Kirchturm) ist heute von der Autobahn aus zu sehen. (Ruine Gißlingskirche)

5. Aufruhr gegen Napoleons Soldaten - Rettung der Stadt durch Lingg

Nach der Schlacht bei Jena und Auerstädt im Jahre 1806, in der Preußen von den Truppen Napoleons besiegt worden war, kam ein französisches Armeekorps unter Mortier, das 8000 Mann stark war, von Bodes nach Eitra her an die kurhessische Grenze. Mit einem kleinen Kommando von etwa 10 Mann stand damals Stabskapitän Wilhelm Rosenkranz bei Sieglos auf der Straße und verwehrte den Franzosen den Einmarsch in das neutrale Kurhessen. Das geschah am 20. Oktober 1806. Die hessisc hen Soldaten wurden entwaffnet, Hersfeld wurde als erste kurhessische Stadt besetzt und das hier liegende hessische Regiment ebenfalls entwaffnet. Damit waren Franzosen 45 Jahre, nachdem sie die Stiftskirche angezündet hatten, erneut in Hersfeld eingerückt . Sie zogen nun jedoch weiter nach Kassel. Die Entwaffnung des hessischen Heeres, die fortdauernden Truppendurchzüge mit ihren Requisitionen und Gewalttätigkeiten (in Hersfeld wurde u.a. ein Bauer aus Niederjossa namens Kalbfleisch beim Klaustor infolge ei nes Wortwechsels von französischen Soldaten niedergeschossen), schließlich der Versuch, die entlassenen hessischen Soldaten zwangsweise in französische Kriegsdienste zu stellen, riefen im ganzen Lande einen grimmigen Zorn gegen die Unterdrücker hervor. Am Tage vor Weihnachten rückte eine Kompanie des 1. leichten italienischen Infanterieregiments, 160 Mann stark, in Hersfeld ein. Sie sollte am anderen Morgen nach Kassel weitermarschieren. Die Soldaten wurden bei den Bürgern einquartiert, mit denen sie sich allerdings nur durch Gebärdensprache verständigen konnten. Ein Sergeantmajor geriet mit seinem Wirt, dem Tuchbereiter Georg Adam Pforr in der Wallengasse, in Streit, warf ihm das vorgesetzte Mittagessen unter den Tisch, fluchte und schimpfte und griff schließlich nach seinem Degen. Der bedrohte Pforr riß das Fenster auf und rief sein "Bürgerrecht! Bürgerrecht!" hinaus auf die Gasse, so daß die Nachbarn eilends zu Hilfe kamen. Aber auch die Soldaten wurden auf den Tumult aufmerksam und sprangen ihrem Kamerade n bei. Es kam zu einer wüsten Schlägerei, und der Hauptmann der Italiener ließ Generalmarsch schlagen. Die Soldaten, die sich auf dem Marktplatz sammelten, wurden von den Bürgern, die ganz außer Rand und Band geraten waren, weil das Gerücht aufkam, die Italiener wollten die entlassenen hessischen Soldaten nach Kassel transportieren, beschimpft, angegriffen und mißhandelt. Dabei fielen einige Schüsse. Aus dem Haus des Sattlers Georg Seelig an der linken Ecke der Webergasse wurde ein Italiener erschossen. Der Hauptmann wurde zu Boden gerissen, eine Frau schlug ihm mit einem Knüppel einige Zähne aus, aber es gelang ihm noch, seine Truppe durch das Frauentor zur Stadt hinauszuführen, bis ihm die alarmierten Kalkobeser (Kalkobes ist heute ein Stadtteil Hersfelds) den Rückzug abschnitten und er die Waffen strecken mußte. Im Triumpf brachte man die Gefangenen in die Stadt zurück. Dem Siegesrausch folgte sehr bald unter dem Einfluß des besonneneren Teils der Bevölkerung die Ernüchterung. Man fürchtete eine Bestrafung der Stadt durch die Franzosen, in deren Reihen ja die Italiener kämpften. Der Bürgermeister Gesing reiste in Begleitung des italienischen Hauptmannes nach Kassel zum französischen Generalgouverneur Lagrange, um für die Stadt um Gnade zu bitten. Dieser befahl, die Überfallenen in jeder Hinsicht zu entschädigen und sicher nach Kassel zu geleiten, was sich als unmöglich erwies, da ganz Niederhessen in Aufruhr war. So zogen die Italiener nach Fulda, wo sie vom dortigen französischen Gouverneur übernommen wurden. Inzwischen hatten die am Aufruhr Hauptbeteiligten das Weite gesucht. Zu Beginn des folgenden Jahres, also 1807, erschien der französische General Barbot mit 2500 Mann und besetzte die Stadt. Unter den Truppen befanden sich auch die mißhandelten Italien er und zwei Kompanien badischer Jäger unter dem Befehl von Oberstleutnant Johann Babtist Lingg. Die Stadt mußte 5000 Taler, 5000 Paar Schuhe und 1000 Soldatenmäntel abliefern. Das Eckhaus in der Webergasse, aus dem der verhängnisvolle Schuß gefallen war, wurde unter den Klängen von Militärmusik dem Erdboden gleichgemacht. Heute steht dort das Haus der Bäckerei Jäger.



Eckhaus in der Webergasse


Ein ehemaliger hessischer Soldat, bei dem ein Gewehr gefunden worden war, wurde erschossen. Dann rückte Barbot mit den Franzosen ab, die Badenser und Italiener blieben zurück. Am 18. Februar erschien jedoch Barbot erneut mit 800 Mann und teilte den städtischen Behörden den Befehl Napoleons zur Bestrafung Hersfelds mit. Die Stadt solle ausgeplündert und in der Mitte und an den vier Ecken angezündet und verbrannt werden. Die Vollstreckung der Strafe sei dem Oberstleutnant Lingg übertragen.



Linggdenkmal




Der Linggplatz




Dann zog er mit seinen Truppen ab und ließ Lingg mit seinen badischen Jägern allein zurück. Sofort ließ er die Bewohner, die durch die schnell bekannt gewordene Kunde von dem kaiserlichen Befehl in furchtbare Aufregung geraten waren, beruhigen. Der Befehl des Kaisers müsse zwar vollzogen werden, man werde also die ausgewählten (alleinstehenden) Häuser anzünden. Man solle sie jedoch ruhig abbrennen lassen und sich keinerlei Widersetzlichkeiten zuschulden kommen lassen. Sollte der Brand um sich greifen, was nicht wahrscheinlich sei, so dürfe man löschen. Seinen Soldaten, die auf dem heutigen Linggplatz standen, rief er zu: "Soldaten, der Befehl zur Plünderung ist gegeben, sie ist uns übertragen und jedem erlaubt. Ich hoffe jedoch nicht, daß ein badischer Jäger in einer Stadt, in der er so viel Gutes genossen hat, plündern wird. Wer aber doch Lust zu plündern hat, der trete vor." Das tat jedoch keiner, und Lingg marschierte mit seinen Soldaten durch das Peterstor ab. Nachdem das lähmende Entsetzen, das die Bürger gepackt hatte, allmählich wieder geschwunden war, eilte eine Abordnung Lingg nach, um ihm die Dankbarkeit der Bürgerschaft auszusprechen und eine Ehrengabe zu überreichen. Lingg lehnte Dank und Gabe ab, man solle dem danken, in dessen Auftrag er gehandelt habe. Er fand sich jedoch bereit, dem Maler Karl, den die Abordnung mitgenommen hatte, zu einem Bilde zu sitzen. Nach der Befreiung des Landes von den Franzosen wurde er Ehrenbürger der Stadt, ein Platz in der Stadt erhielt seinen Namen, und die Kurfürsten Wilhelm I. und Wilhelm II. ehrten ihn mit der Verleihung des hessischen Löwenordens und des erblichen Adels. Als Generalleutnant Lingg von Linggenfeld ist er 1842 in Mannheim gestorben.



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