Mecklar, Entstehung und Entwicklung bis 1600

zusammengestellt von Konrad Lipphardt im Jahre 2000


1. Vorbemerkungen
Die Entstehung unseres Heimatortes liegt versunken im Dunkel der Geschichte. Diese Dunkelheit und Namenlosigkeit lichtet sich erst zum Ende der germanischen Völkerwanderung in fränkisch-karolingischer Zeit, dem Beginn des Mittelalters. Bei dem Bemühen, die Geschichte Hessens in dieser Zeit aufzuhellen, sieht sich die Forschung jedoch nach wie vor erheblichen Schwierigkeiten gegenüber, die sich aus der unzureichenden Quellenlage ergeben. Denn erst seit dem Beginn des 8. Jahrhunderts stehen in größerem Umfang zuverlässige schriftliche Nachrichten zur Verfügung. Für die ältere Zeit kommen in erster Linie die Ergebnisse der archäologischen Forschung in Frage. Spärliche Bodenfunde lassen danach den Stamm der Chatten, die Vorfahren der Hessen, als erste germanische Bewohner Nordhessens erkennen. Auch die ersten Bewohner unseres Ortes dürften daher chattischen Stammes gewesen sein. Die Ortsnamenforschung beweist schließlich, dass Mecklar schon in frühester Zeit besiedelt war, wie noch zu schildern sein wird. So mögen es dann ja vielleicht Einwohner von Mecklar gewesen sein, die Sturmius im Jahre 736 den Namen des Ortes genannt haben, an dem später unsere Kreisstadt Hersfeld erwachsen sollte: Haerulfisfeld, das Feld eines gewissen Haerulf. Aber das ist dann wieder eine andere Geschichte.

2. Die Lage Mecklars
Am hohen Ufer der Fulda gelegen wurde die Ansiedlung, die Mecklar genannt wurde, vom jährlichen Hochwasser der Fulda nicht erreicht. Die vor- und frühgeschichtlichen Siedlungen lagen gewöhnlich nicht an den Fernstraßen, da diese das Wasser mieden, während die Menschen das Wasser suchten.1


Hinter dieser Siedlung bot das sanft ansteigende Gelände Ackerboden für eine bäuerliche Bevölkerung. Gleichwohl gab es oberhalb der heutigen Fuldabrücke eine Untiefe des Flusses, an der dieser zumal bei sommerlichem Niedrigwasser leicht zu durchqueren war. Diese Furt wurde noch im vorigen Jahrhundert benutzt und durch mächtige im Flussbett versenkte Eichenstämme so ausgebaut, dass sie auch mit Lasten durchfahren werden konnte. Sie war durch den "Graben", den heutigen Uferweg, zu erreichen. An dessen unterem Ende hielt man vom "Guckstein" aus Ausschau, ob Vorspann für die Fuhrwerke beim Durchqueren des Flusses nötig war. Im Winter saß dann ein Fährman auf dem "Guckstein" und wartete auf seine Fahrgäste.
Georg Landau erwähnt in seiner Schrift über alte Heer- und Handelsstraßen zwei Straßen, die von Weiterode aus nach Nürnberg gingen. Die eine, eine Bergstraße, zog über Friedewald, Schenklengsfeld und Eiterfeld und mündete dort in die Talstraße. Die andere, die Talstraße, blieb im Fuldatal und führte früher wahrscheinlich nur am rechten Ufer nach Hersfeld. Als aber 1494 bei Breitenbach eine Brücke gebaut worden war, so schreibt Landau, führte sie auf dem linken Ufer nach Hersfeld.2 Auf der seiner Schrift beigefügten Karte "Alte Straßen" führt diese Talstraße auf der linken Fuldaseite von Bebra über Blankenheim nach Hersfeld. Die rechtsseitige Straße ist nicht mehr eingezeichnet, wohl aber die von Hersfeld über Kathus und Friedewald nach Hönebach führenden Straßen, sowie die von Weiterode nach Friedewald führende Straße. So liegt Mecklar abseits der Straßen auf der rechten Fuldaseite und innerhalb des von diesen Straßen gebildeten Dreiecks mit den Eckpunkten Bebra/Weiterode, Friedewald und Hersfeld. Den gleichen Befund zeigt auch noch eine Karte der Landstraßen des 16. bis 18. Jahrhunderts bei Rudolf Kellermann.3 Abseits von den Haupthandelswegen, die als Talweg auf der linken Talseite entlang liefen, oder als Höhenwege über die sanften Höhen des Seulingswaldes führten, lag Mecklar also lange Zeit gewissermaßen im Windschatten der größeren Ereignisse.
Dabei sei jedoch nicht zu übersehen, daß der Bereich Hersfeld, das Fuldatal, der Seulingswald und die Gegend um das Fuldaknie bei Bebra schon in vorgeschichtlicher und frühgeschichtlicher Zeit wegen der durch diesen Raum führenden Fernverkehrswege, Zubringerwege, Furten und Straßenknotenpunkten historisch zu einem bedeutenden geographischen Punkt des gesamten Raumes an der Fulda gehörten, meint Wilhelm Södler, der sich dabei auf Schellhases territorialgeschichtliche Studien bezieht.4 So liegen die beiden Orte Mecklar und Meckbach rechts der Fulda in Richtung der Fulda-Werra-Wasserscheide, über die die Straße der "Kurzen Hessen" führte, auf der man von Frankfurt über Friedberg, Grünberg, Alsfeld, Hersfeld und Berka nach Eisenach gelangte.5

3. Gründung des Ortes und Deutung des Namens
Auskunft über das wahre Alter unseres Ortes läßt sich aber an seinem Namen gewinnen. Entstehungszeit und erste namentliche Erwähnung in einer Urkunde sind nämlich keineswegs identisch. Der Ort Mecklar bestand wohl schon sehr lange, ehe sein Name erstmalig erwähnt wurde. Für den ersten Namensbestandteil "Meck" gibt es hinsichtlich der Deutung gewisse Schwierigkeiten bzw. unterschiedliche Meinungen. Die Mutmaßung, Mecklar sei ein Feldlager zur Zeit der Feldzüge des römischen Feldherren Drusus gewesen, wie es schon zu lesen war, erscheint zwar reichlich überzogen und nicht erwiesen. Aber gleichwohl benutzte Drusus bei seinem Eroberungszug bis zur Elbe im Jahre 9 v. Chr. vermutlich die "Kurzen" oder die "Langen Hessen" bis fast an die Werra.6
Eine weitere Deutung dieses Namensbestandteiles lautet, dass unser Dorf die Gründung eines Mannes namens "Makko" ist und der Name damit soviel wie "Ort des Makko" bedeutet. Dagegen erscheint jedoch die Deutung von Dr. Hans Bahlow, der über Deutschlands älteste Fluss- und Ortsnamen forschte, weitaus plausibler zu sein. Er schreibt, indem er auch Mecklar ausdrücklich erwähnt: " ... So ist es denn kein Wunder, wenn sich endlich der Nebel hebt, den seit Jacob Grimms Tagen mythologische Spekulation, methodenlose Willkür und phantastische Theorien über die ältesten Schichten unserer Namenswelt gebreitet haben, und zum ersten Mal den Blick freigibt auf die gewässerreiche Waldlandschaft der Vorzeit - den alleinigen Quellgrund alteuropäischer Namensschöpfung! Daß diese Bodenfeuchtigkeit sich auch in den Namen vieler Waldberge und Anhöhen spiegelt, ist kaum noch bekannt: ........7. Und weiter schreibt er: "Much(e) - Mauch - Mücheln - Mückelbeck - Muckhorst - Mockstadt - Mecklar - Meckbach - Meggemecke - Miegbeck
Mundartlich fortlebend begegnet noch heute das verbreitete Moderwort muk (vergl. lat. mucus "feucht", kelt.-lett. muk- "Sumpf", engl. muck "Kot", ndl. mok "feucht") in schwäb. muche "Moder", hess.-thür. müchen "modern, faulen", nordd. muchelich "muffig", schweiz. mauch "morsch". ............. Varianten sind mek, mik, mak. Dazu Meck(e)bach b. Mecklar a.Fulda, Meckenbach b. Kirn a. Nahe, Meckenheim (Bonn, Speyer), Mecken-: Möckmühl/Württ., Meckel/Eifel. Meckfeld s. Jena. ........."
8 Bezüglich der Fulda schreibt Dr. Hans Bahlow, dass "fuld" (wie ful) Moder und Sumpf bedeute.9
Der zweite Bestandteil des Ortsnamens "lar" deutet auf eine Zeit hin, als das Chattenland Teil des Frankenreiches wurde. Das chattische Wort "lar" wurde in erster Linie in der Zeit vor Christi Geburt bis 500 n. Chr. gebraucht. Heinrich Blum schreibt in seiner Hessischen Heimatgeschichte: " .. Die Ortsnamen beziehen sich anfangs auf das Wasser oder auf die Bodenbeschaffenheit. Wasser heißt appe, affe, aha; später erscheint das Wort in der Endung a in den Namen: Fulda, Ahna, Bebra, Sontra. Quelle und Sumpf heißt in der altdeutschen Sprache mar und findet sich in Vellmar, Weimar, Geismar, Hofgeismar und Hadamar. Der "Ort" an sich überhaupt wurde lar genannt; das Wort lar erscheint in Fritzlar (Friedeslare) und Wetzlar. Der Wald wurde mit loh bezeichnet; ... Das Volk vermehrte sich stark; daher wurden später die Menschen durch Landnot veranlaßt, die Nebenflüsse und Bäche hinaufzugehen und sich in Seitentälern niederzulassen. Es entstanden nun Orte mit den Endungen bach, furt, au, wig und büren. .."10
Auch Philipp Hafner schreibt in seiner Schrift über die Reichsabtei Hersfeld: " Als die Sendboten des Bonifatius von Fritzlar aufbrachen, um weiter östlich eine für eine Klostergründung geeignete Stelle zu suchen, kamen sie nach einem Bericht Eigils in der "Lebensbeschreibung Sturms" in "die Einöde, in der sie fast nichts als Himmel und Erde und ungeheure Bäume erblickten." Darin liegt aber sicherlich eine Übertreibung; die Schilderung Eigils mag wohl für weite Teile des von den Sendboten durchwanderten Berglandes zutreffen, für die Täler der Fulda und Haun mit ihren fruchtbaren Lößflächen kann sie aber nicht gelten. Denn daß diese schon in frühester Zeit besiedelt waren, beweisen die schon der ersten Siedlungsperiode angehörenden Ortsnamen wie Mecklar, Bebra (Biberaha), Aula (Owilaha), Jossa (Jazzaha) u.a." 11 Nach all dem Gesagten wäre Mecklar ein an einer feuchten Stelle liegender Ort, was mit dem weiter oben Gesagten durchaus übereinstimmt.
Wilhelm Södler ist da ganz anderer Meinung. Er schreibt, dass sich Flurnamen, so auch Ortsnamen, stets von einfachsten Grundvoraussetzungen her ableiten. Eine etymologische Deutung des Ortsnamens "Mecklar" verweise in der ersten Silbe, wie bei dem Ortsnamen "Meckbach", auf eine sehr frühe Wortbedeutung für "groß". Die erste Silbe des Ortsnamens "Mecklar" entspricht, so schreibt Wilhelm Södler, dem althochdeutschen Wort "michel" = groß (indogermanisch "magh" = groß, griechisch "megas" = groß, lateinisch "magnus" = groß)12 Die zweite Silbe des Ortsnamens Mecklar, die Silbe "lar", bedeute "unbebaut", "leer", "öde", Land also, das brach liegt und als Weideland, Lager, Gut oder Gehöftplatz benutzt wird. Ferner bezeichne diese Silbe meist Weideplätze, weniger Wohnplätze, Höfe oder Lager, sondern mehr Ödstellen mit Viehhütten, um die sich dann später Ansiedlungen gruppieren. Der Ortsname "Mecklar" sei damit zu deuten als 'großes Weideland' und ebenso auch als 'großes Lager' (auch Kriegslager), mit einem Gut, einem Gehöft. Rückschlüsse aus späteren Urkunden würden darauf hindeuten, dass es sich dabei um einen ehemaligen befestigten königlichen Gutshof (curtis =Wehrcurtis, ein Allod) gehandelt hat, der bereits im 6. Jahrhundert bestanden haben könnte. Da der gesamte Bereich Mecklar auch unmittelbar zum fränkischen Reichsgut in einem besonders gefährdeten Grenzgebiet zählte, seien aus siedlungsgeographischer Perspektive und nach Grundsätzen fränkischer Politik die Anfänge Mecklars an einem Verkehrsweg, einer Fuldafurt und im Bereich der Kirche zu suchen.13
Wer nun auch immer Recht hat, fest steht , dass Mecklar damit auf ein sehr viel höheres Alter zurückblicken kann, als die bisher älteste urkundliche Erwähnung aus dem Jahre 1252 vermuten lässt.

4. Territoriale und gerichtliche Zugehörigkeit Mecklars
Ältester nachweisbarer Besitzer des Bodens, auf dem Mecklar liegt, war das Kloster Hersfeld. Im Jahre 1003 war der Wildbann über den Eherinevirst (virst = Forst), der zur Buchonia gehörte durch eine Schenkung Kaiser Heinrichs II. an das Kloster gekommen. Hinter dem Eherinenvirst verbirgt sich der Heuringswald. Von ihm schreibt Piderit zu Beginn des vorigen Jahrhunderts: "Einen Theil der Ebene, wo jetzt der Eichhof steht, beschattete damals ein Eichenwald, (ein Theil des Heuringswaldes, welcher unter dem Namen Eherineverst in einer Urkunde von 1070 vorkommt) von welchem wir die letzten Reste, einzelne, mächtige Eichbäume, welche hin und wieder an der Straße dem Wanderer ein Ruheplätzchen verschafften, in unseren Tagen fällen sahen."14 Mit der erwähnten Schenkung war das Kloster Hersfeld auch im Besitz des Grund und Bodens um Mecklar, denn auch diese Flur gehörte zum Eherinevirst. Seine Grenze stieß bei Braach von Westen kommend an die Fulda, verlief auf der linken Flussseite nach Süden bis zum "solium Gumberti" (die Einsiedelei des Gumbert), an dessen Stelle das heutige Blankenheim liegt. Sie sprang dann über die Fulda nach Osten, berührte die Wüstungen "Ukevordi" (gegenüber von Blankenheim) und "inferior Nuuuisazi" (südlich von Ronshausen), überschritt den "Yubach" (Ziehbach?) und die "Hirzlaha" (Grabensenkung "Im Hörsel") in deren Oberlauf und gelangte dann in das Bachbett der "deserta Hérafa" (Taube Herfa) eines linksseitigen Zuflusses der Herfa, in dem sie abwärts ging.
Wie die Übertragung des Burg- und des Marktbanns zur allgemeinen Gerichtsbarkeit hinübergeleitet haben, so geschah das auch bei der Übertragung des Wildbanns, denn der Bannherr hatte das Recht, Jagdfrevel zu bestrafen. Gleichzeitig kamen die Hochgerichtsbarkeit und der Besitz der fiskalischen Gerichtsgefälle im Bereich des Wildbannbezirkes in die Hand des Bannherrn. Für die Bannherrschaft galt damit das Gleiche wie für die Immunitätsherrschaft. Nach älterem deutschen Recht verstand man unter Immunität die Ausnahmestellung des Königsgutes und der durch königliches Privileg befreiten Grundherrschaften. Polizei- und Finanzgewalt waren dem Immunitätsherrn überlassen, der sie durch Vögte ausüben ließ. Als geistlicher Grund- und Immunitätsherr bedurfte auch der Abt von Hersfeld der Vögte, die diese Gerichtsbarkeit ausübten. Der Vogt, der "advocatus", vertrat die Kirche nach außen hin und war Richter über die Immunitätsleute. Die Ausdehnung der abteilichen Güter über verschiedene Gaue brachte es mit sich, dass die Abtei zahlreiche Vögte hatte, nach fränkischem Rechte im allgemeinen je einen für jeden Gau, in dem sie Güter besaß. Hersfelder Vögte begegnen uns urkundlich zuerst im Jahre 932. Diese Vögte und auch ihre nächsten Nachfolger waren wahrscheinlich freie Grundbesitzer aus den betreffenden Gauen.
In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts lassen sich verschiedene Veränderungen im Hersfelder Vogteiwesen feststellen. Erstens waren die Vögte nun gräflichen Standes. Zweitens waren mehrere Vögte als Untervögte der Gesamtvogtei jetzt einem Obervogt unterstellt. Drittens setzte sich um 1100 bei den Hersfelder Vögten auch die Erblichkeit der Vogtei durch.15
Seit 1099 läßt sich in den Urkunden ein Graf Giso als Vogt nachweisen. Durch die Vermählung Ludwigs III. von Thüringen, der sich als Landgraf Ludwig I. nannte, mit Hedwig, der Tochter des Grafen Giso IV., kam die Vogtei über Hersfeld zusammen mit der "gisonischen Erbschaft" an die Landgrafen von Thüringen. In einer Urkunde von 1133 finden wir erstmals den Landgrafen von Thüringen als Vogt der Hersfelder Kirche genannt. Im Jahre 1139 ist Landgraf Ludwig I. wiederum als Vogt der Hersfelder Abtei nachweisbar zugleich mit einem Untervogt Bobbo. Ludwig I. vererbte die Vogtei seinem Sohn und Nachfolger, dem Landgrafen Ludwig II., dem Eisernen, der in mehreren Urkunden erwähnt wird. 1156 wird er zusammen mit einem Untervogt Bobbo von Reichenbach genannt. Nach demTode Ludwig II. wurde die Vogtei über die Abtei Hersfeld jedoch nicht an seinen ältesten Sohn, den Landgrafen Ludwig III. , vererbt, sondern sie ging zusammen mit den hessischen Besitzungen auf seinen zweiten Sohn Heinrich Raspe III.über.16
Aus dem Gesagten wird deutlich, wie sich landesherrliche Oberhoheit des Abtes von Hersfeld und die Vogteirechte der zunächst thüringischen, dann hessischen Landgrafen durchdringen, was auf Grund der unterschiedlichen Interessenlage beider Seiten zu Spannungen führte. Der Kampf zwischen Abt und Landgraf um die Vorherrschaft im Immunitätsgebiet wurde in Verträgen, die auf einem Hoftag 1182 in Erfurt und auf einem weiteren Hoftag 1215 in Würzburg geschlossenen wurden, nur in Ansätzen entschieden. Danach und im Zuge gewaltsamer Aneignung konnten die Landgrafen von Hessen ihr Gebiet nach Süden ausdehnen. So büßte die Abtei ein größeres Stück des Wildbannbezirkes von 1003 ein, nämlich einen Teil des späteren Amtes Rotenburg. Eine von den Vögten erbaute Burg spielte bei diesem Verlust auch eine große Rolle. Die Landgrafen von Thüringen hatten an der Grenze des Bannbezirkes zur Sicherung ihrer Vogtei über die Abtei Hersfeld die Burg Rotenberg auf dem Hausberge von Rotenburg rechts von der Fulda angelegt. Schon seit dem Jahre 1170 lassen sich Burgmannen dieser landgräflichen Vogtei-Burg nachweisen. Um die Burg bildete sich nun ein Verwaltungsbezirk, das Amt Rotenburg, das 1372 zuerst urkundlich belegt ist. Entsprechend der Grenzlage seines Zentrums, der Burg Rotenberg, erwuchs dieses hessische Amt aus zweierlei Gebiet, sowohl aus landgräflichem Gebiet als auch aus althersfeldischem innerhalb des Bannbezirkes von 1003 gelegenem Besitz. Dazu zählte die schon im "Breviarium Lulli" genannte "villa Bracho (Braach), die Grenzdörfer des Bannbezirkes Sterkelshausen und Baumbach, die vermutlich vom Hersfelder Abt auf dem linken Fuldaufer in der Gemarkung der Wüstung Breitingen gegründeten Stadt Rotenburg und die Dörfer Lüdersdorf, Breitenbach, Blankenheim, Mecklar und Meckbach. Zu deren Behauptung bzw. endgültigem Erwerb erbaute Landgraf Ludwig I. im Jahre 1416 eine zweite Burg, die Burg Ludwigsau. Sie lag unterhalb der Mündung des Rohrbachs in die Fulda und damit eindeutig auf ehemals Hersfelder Gebiet. Der Bau dieser Burg zeigt recht deutlich, mit welcher Hartnäckigkeit und Rücksichtslosigkeit die hessischen Landgrafen ihre Gebietserwerbungen im Hersfelder Einflussgebiet betrieben. Der Hersfelder Abt konnte nur noch resignierend feststellen, dass der Landgraf diese Burg "uff unsers stiffts grunth unnd eigenthum"17 gebaut habe.
Die Stadt Rotenburg wurde nun, wie schon gesagt, Amtsmittelpunkt für das der Abtei Hersfeld entfremdete Gebiet. Das dortige Obergericht gliederte sich in drei Gerichtsstühle, wobei Mecklar mit Blankenheim, Lüdersdorf und Meckbach dem Gerichtsstuhl in Breitenbach zugeteilt war. Nur das der Hersfelder Abtei unmittelbar unterstellte Kloster selbst und dessen Bezirk der engeren Immunität, von dem die Landgrafen mit ihren vogteilichen Befugnissen ausgeschlossen waren, verblieb bei dem Hersfelder Territorium.18
Mecklar, das also nördlich der neuen Grenze lag, und damit kommen wir wieder zum Anlass dieses Exkurses zurück, war als ehemals Hersfelder Ort nunmehr hessisch geworden. Auch das im 16. Jahrhundert evangelisch gewordene Gebiet der Abtei fiel schließlich samt der Stadt Hersfeld nach dem Westfälischen Frieden von 1648, der den Dreißigjährigen Krieg beendete, endgültig an die hessischen Landgrafen, nachdem diese schon 1606 nach dem Tode des letzten Abtes Joachim Röll die Administration der Abtei übernommen hatten. Erst das Organisationsedikt des Kurfürsten Wilhelm II. aus dem Jahre 1821 löste die alte Ämterverfassung Kurhessens auf und schuf eine Kreiseinteilung nach preußischem Vorbild. Im Jahre 1836 schließlich wurden die Orte Mecklar und Meckbach mit dem Kreis Hersfeld vereinigt.19 Aber auch die Problematik der Zugehörigkeit hat sich inzwischen erledigt, da beide Landkreise heute zum Kreis Hersfeld-Rotenburg zusammengeschlossen sind.

5. Ersterwähnung und weitere Entwicklung
Endlich, im Jahre 1252, war es dann so weit, dass auch Mecklar, das ja schon so lange existiert haben muss, wie schon weiter oben geschildert, von der Historie für würdig befunden wurde, erstmalig in einer Urkunde erwähnt zu werden. Kehren wir also in die Mitte des 13. Jahrhunderts zurück. Hier ist noch einmal das Kloster Blankenheim zu nennen, das damals noch territorial wie gerichtlich zur Abtei Hersfeld gehörte. Hierhin hatte um 1230 Abt Ludwig das Nonnenkloster verlegt, das sein Vorgänger Siegfried 1190 in Aua im Geisgrunde zu Ehren der Mutter Gottes und des Apostels Johannes gegründet hatte. Das Kloster lag an der Stelle, die schon früher durch die Einsiedelei des Gumbert (s.o.) gewissermaßen ihre Weihe erhalten hatte. Gedacht war es als Versorgungsanstalt für unverheiratete Töchter der hersfeldischen Dienstmannschaft, die in der Umgegend ansässig war, darunter die von Bebra, Breitingen, Braach, Baumbach, Iba, Meckbach, Mecklar, Milnrode, Rotenberg und Ronshausen. Auf diese Weise erhielt das Kloster durch Schenkungen und Mitgift der neu eintretenden Nonnen ausreichenden Besitz, so dass seine Existenz sichergestellt war. 20 Die Äbtissin des Klosters Heerse in Westfalen, Gertrud, schenkte dem Kloster Blankenheim die Güter, die ihr eigenes Kloster in Owa (eine Wüstung bei Meckbach) besaß (1233). Die Nonnen von Blankenheim konnten sich sogar der Gunst einer Königin zu erfreuen. Beatrix, die Witwe des deutschen Königs Heinrich Raspe (+ 1247), gab ihnen ihre Güter in Hergershausen. Helfrich, ein Rotenburger Kastellan, muß ebenfalls ein besonderes Vertrauen zu ihnen gehabt haben. In einer Urkunde vom 30. Juli 1252, zu deren Beglaubigung mehrere Zeugen genannt werden, legte er die Sorge für das Seelenheil ("pro salute anime") seiner Familie in die Hände der Nonnen von Blankenheim. Dem Seelenheil seiner Gattin Elisabeth gelten 4 Mansen in Braunhausen und für sein eigenes 5 Solidi Zins aus den Gütern in Owa bei Meckbach und Lehen, die er in Hergershausen hatte. Helfrich fügte dem allen noch eine Manse in Mecklar hinzu. Unter einer Manse verstand man einen Hof mit einer Hufe Ackerland, wobei eine Hufe etwa 30 Morgen entsprach. So heißt es in dieser für Mecklar so bedeutsamen Urkunde: " ... Item contulimus ipsi ecclesie I. mansum in Mekelar ad luminaria ......"21 Wörtlich in das Deutsche übersetzt lautet dieser Satz: ... Ebenso haben wir entrichtet (aufgebracht, beigetragen, beigesteuert u.ä.) der Kirche selbst eine Manse in Mekelar für die Lampen. ..." Die Pacht von diesem Hofe sollte also für die Beleuchtung der Kirche verwendet werden.
In der Folgezeit wird dann auch Mecklar hin und wieder in Urkunden erwähnt, was aber mehr einer um Dokumentation der Ereignisse bemühten Bürokratie als einer nun etwa gewachsenen Bedeutung Mecklars zuzuschreiben ist. So werden Mecklar und Meckbach 1387 genannt, als beide Orte zusammen mit dem Schloss Friedewald in den Kämpfen Landgraf Hermanns II. als hessischer Besitz an die Herren von Buchenau verpfändet wurden. Im Jahre 1498 erscheint Mecklar in Rentmeisterrechnungen des Obergerichtes Rotenburg, zu dessen Gerichtsstuhl in Breitenbach es gehörte. (s.o.) Im Rotenburger Salbuch von 1538 wird durch einen Grenzzug zwischen Hessen und Hersfeld noch einmal die Zugehörigkeit Mecklars zur Jurisdiktion des Amtes Rotenburg bestätigt.

6. Schlussbetrachtung
Zieht man ein Resümee aus dem Geschilderten, so erscheint Mecklar als ein sehr alter Ort, der bereits in der Frühzeit unseres Landes gegründet wurde. Zunächst lag er im chattischen Grenzgebiet zu Thüringen, danach im Randgebiet des Frankenreiches zu den Sachsen. In einer umstrittenen Grenzlage blieb Mecklar zunächst auch, als unser Gebiet in die Mitte Deutschlands rückte. Diesmal stritten die Reichsabtei Hersfeld und die Landgrafschaft Hessen um die Einflußnahme in unserem Gebiet, wobei letztere Sieger blieb, wie wir gesehen haben. So blieb denn Mecklar lange ein bescheidenes Bauerndorf, etwas abseits der Hauptverkehrswege liegend und in Urkunden kaum erwähnt. Seine Einwohner waren zunächst wohl Dienstmannen des Hersfelder Klosters oder auch Abhängige anderer wohlhabender Herren, deren Grund und Boden man verschenken und verpfänden konnte. Die alte bäuerliche Freiheit war schon lange vernichtet worden. Ehrmindernde Abgaben hatte man den Bauern zum Zeichen ihrer persönlichen Unfreiheit auferlegt. Ihre Rechte in Bezug auf die Gemeindegüter wie Wald und Weide hatte man beschränkt und eine Überfülle von Verpflichtungen und Dienstleistungen war ihnen aufgebürdet worden.22 So war das Leben in jenen Zeiten sicher mühevoll und wenig beschaulich oder gar abwechslungsreich. Der Bauernkrieg, der auch in das Hersfelder Gebiet hineinreichte und das Eingreifen des Landgrafen Philipp erforderlich machte, mag als Beleg für die schlimme Lage dienen, in der sich die einfache Landbevölkerung befand. Die Verhältnisse in Mecklar dürften sich in keiner Weise von denen in anderen Gegenden unseres Landes unterschieden haben, auch wenn es dafür keine unmittelbaren Belege gibt. Das folgende Jahrhundert brachte indes sicherlich keine Besserung. Der Dreißigjährige Krieg brach über Deutschland herein und brachte auch in unserer Gegend Not und Tod. Aber das ist dann auch wieder eine andere Geschichte.

7. Fußnoten
1 vergl.: Rudolf Kellermann und Wilhelm Treue: Die Langen und die Kurzen Hessen, Auf alten Wegen von Homberg und Alsfeld nach Osterode, Herausgegeben von den Kamax-Werken, Rudolf Kellermann, Osterode am Harz, Homberg (Oberhessen) und Alsfeld, 1970, S. 20
2 vergl.: Georg Landau: Beiträge zur Geschichte der alten Heer- und Handelsstraßen in Deutschland, Hessische Forschungen zur geschichtlichen Landes- und Volkskunde, Heft 1, Bärenreiter-Verlag Kassel und Basel, 1958, S. 85
3 vergl.: Rudolf Kellermann und Wilhelm Treue, s.o., S. 3
4 vergl.: Wilhelm Södler: Spuren der Vergangenheit, Frühmittelalterliche und mittelalterliche Spuren in Ludwigsau-Mecklar, im Eigenverlag 1999 - 2000, S. 12/13
5 vergl.: Rudolf Kellermann und Wilhelm Treue, s.o. S. 32
6 vergl.: Rudolf Kellermann und Wilhelm Treue, s.o. S. 16
7 Dr. Hans Bahlow: DEUTSCHLANDS ÄLTESTE FLUß- UND ORTSNAMEN, Teil 2, erschienen im Verlage desVerfassers, Hamburg 1963 S . 8/9
8 Dr. Hans Bahlow: DEUTSCHLANDS ÄLTESTE FLUß- UND ORTSNAMEN, Teil 2, erschienen im Verlage desVerfassers, Hamburg 1963, S. 111
9 vergl. Dr. Hans Bahlow, ebenda S. 179
10 Heinrich Blum:Hessische Heimatgeschichte, Im Bärenreiter-Verlag zu Kassel 1933, S. 23
11 Philipp Hafner: Die Reichsabtei Hersfeld bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts; Hersfeld im Jubeljahr 1936, Zweite , neu bearbeitete Auflage, Hans Ott Verlag - Druck der Hoehlschen Buchdruckerei Hersfeld, S. 1
12 vergl. Wilhelm Södler: Spuren der Vergangenheit, Frühmittelalterliche und mittelalterliche Spuren in Ludwigsau-Mecklar, im Eigenverlag 1999 - 2000, S. 48
13 vergl.: Wilhelm Södler, s.o., S. 49
14 Franz Carl Theodor Piderit: Denkwürdigkeiten von Hersfeld, Hersfeld 1829, im Industrie-Comptoir, S. 36
15 vergl.: Elisabeth Ziegler: Das Territorium der Reichsabtei Hersfeld, Schriften für Landeskunde von Hessen und Nassau in Verbindung mit Marburger Fachgenossen herausgegeben von EDMUND STENGEL, 7. Stück, N.G. Elwert´sche Buchhandlung (Kommissionsverlag), Marburg 1939, S. 14 ff
16 vergl.: Elisabeth Ziegler, ebenda S. 15 ff
17 Mutmaßliche Supplik des Hersfelder Abtes an den Landgrafen wegen hessischer Übergriffe in der Gegend des Seulingswaldes, der Fulda und des Baches Solz, nach Elisabeth Ziegler,s.o. S. 202
18 vergl.: Elisabeth Ziegler, ebenda, S. 145
19 vergl.: Karl Schellhase: Territorialgeschichte des Kreises Rotenburg an der Fulda und des Amtes Friedewald, N.G. ELWERTsche Verlagsbuchhandlung (Kommissionsverlag), Marburg 1970, S. 121 ff
20 vergl: Karl Schellhase, ebenda, S. 65 ff
21 Helfrich Bernhard Wenck: Hessische Landesgeschichte, Dritter Band, Frankfurt und Leipzig 1803; Urkundenbuch, S. 123
22 vergl.: Wilhelm Neuhaus: Geschichte von Hersfeld, Von den Anfängen bis zur Gegenwart, 2. Auflage, Hans Ott-Verlag , Bad Hersfeld, S. 141

8. Literatur / Quellen

Dr. Hans Bahlow: DEUTSCHLANDS ÄLTESTE FLUß- UND ORTSNAMEN, Teil 2, erschienen im Verlage des Verfassers, Hamburg 1963

Heinrich Blum: Hessische Heimatgeschichte, Im Bärenreiter-Verlag zu Kassel 1933

Philipp Hafner: Die Reichsabtei Hersfeld bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts; Hersfeld im Jubeljahr 1936, Zweite , neu bearbeitete Auflage, Hans Ott Verlag - Druck der Hoehlschen Buchdruckerei Hersfeld

Walter Heinemeyer: Das Werden Hessens, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen, 50, N.G.Elwer Verlag (Kommissionsverlag), Marburg 1986

Rudolf Kellermann und Wilhelm Treue: Die Langen und die Kurzen Hessen, Auf alten Wegen von Homberg und Alsfeld nach Osterode, Herausgegeben von den Kamax-Werken, Rudolf Kellermann, Osterode am Harz, Homberg (Oberhessen) und Alsfeld, 1970

Landau, Georg: Beiträge zur Geschichte der alten Heer- und Handelsstraßen in Deutschland, Hessische Forschungen zur geschichtlichen Landes- und Volkskunde, Heft 1, Bärenreiter-Verlag Kassel und Basel, 1958

Wilhelm Neuhaus: Auf den Spuren der Abtei Hersfeld in deutschen Gauen, Hans Ott- Verlag, Hersfeld 1941

Wilhelm Neuhaus: Geschichte von Hersfeld, Von den Anfängen bis zur Gegenwart, 2. Auflage, Hans Ott-Verlag , Bad Hersfeld

Franz Carl Theodor Piderit: Denkwürdigkeiten von Hersfeld, Hersfeld 1829, im Industrie-Comptoir

Karl Schellhase: Territorialgeschichte des Kreises Rotenburg an der Fulda und des Amtes Friedewald, N.G. ELWERTsche Verlagsbuchhandlung (Kommissionsverlag), Marburg 1970

Wilhelm Södler: Spuren der Vergangenheit, Frühmittelalterliche und mittelalterliche Spuren in Ludwigsau-Mecklar, im Eigenverlag 1999 - 2000 (W. Södler, Beim Kalkofen 8, 36211 Alheim-Heinebach)

Helfrich Bernhard Wenck: Hessische Landesgeschichte, Dritter Band, Frankfurt und Leipzig 1803; Urkundenbuch

Elisabeth Ziegler: Das Territorium der Reichsabtei Hersfeld, Schriften für Landeskunde von Hessen und Nassau in Verbindung mit Marburger Fachgenossen herausgegeben von EDMUND STENGEL, 7. Stück, N.G. Elwert´sche Buchhandlung (Kommissionsverlag), Marburg 1939



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